Sozialismus-Diskussion
Sozialismus-Diskussion

Russland und Marx Kapital

…individuellen Produzenten den größten Aufschwung gibt, daß das kapitalistische Eigentum, das in der Tat schon auf einer Art kollektiver Produktion beruht, sich nur in gesellschaftliches Eigentum verwandeln kann. An dieser Stelle liefere ich hierfür keinen Beweis, aus dem guten Grunde, daß diese Behauptung selbst nichts anderes ist als die summarische Zusammenfassung langer Entwicklungen, die vorher in den Kapiteln über die kapitalistische Produktion gegeben worden sind.
Welche Anwendung auf Rußland konnte nun mein Kritiker machen von dieser geschichtlichen Skizze? Einfach nur diese: Strebt Rußland dahin, eine kapitalistische Nation nach westeuropäischem Vorbild zu werden - und in den letzten Jahren hat es sich in dieser Richtung sehr viel Mühe kosten lassen -, so wird es dies nicht fertig bringen, ohne vorher einen guten Teil seiner Bauern in Proletarier verwandelt zu haben; und dann, einmal hineingerissen in den Wirbel der kapitalistischen Wirtschaft, wird es die unerbittlichen Gesetze dieses Systems zu ertragen haben, genauso wie die andern profanen Völker. Das ist alles. Aber das ist meinem Kritiker zu wenig. Er muß durchaus meine historische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa in eine geschichtsphilosophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges verwandeln, der allen Völkern schicksalsmäßig vorgeschrieben ist, was immer die geschichtlichen Umstände sein mögen, in denen sie sich befinden, um schließlich zu jener ökonomischen Formation zu gelangen, die mit dem größten Aufschwung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit die allseitigste Entwicklung des Menschen sichert. Aber ich bitte ihn um Verzeihung. (Das heißt mir zugleich zu viel Ehre und zu viel Schimpf antun.) Nehmen wir ein Beispiel.
An mehreren Stellen im "Kapital" spiele ich auf das Schicksal an, das die Plebejer des alten Roms ereilte. Das waren ursprünglich freie Bauern, die, jeder auf eigne Rechnung, ihr eignes Stück Land bebauten. Im Verlauf der römischen Geschichte wurden sie expropriiert. Die gleiche Entwicklung, die sie von ihren Produktions- und Subsistenzmitteln trennte, schloß nicht nur die Bildung des Großgrundbesitzes, sondern auch die großer Geldkapitalien ein. So gab es eines schönen Tages auf der einen Seite freie Menschen, die von allem, außer ihrer Arbeitskraft, entblößt waren, und auf der andern, zur Ausbeutung dieser Arbeit, die Besitzer all der erworbenen Reichtümer. Was geschah? Die römischen Proletarier wurden nicht Lohnarbeiter, sondern ein faulenzender Mob, noch verächtlicher als die sog. "poor whites" der Südstaaten der Vereinigten Staaten, und an ihrer Seite entwickelte sich keine kapitalistische, sondern eine auf Sklavenarbeit beruhende Produktionsweise. Ereignisse von einer schlagenden Analogie, die sich aber in einem unterschiedlichen historischen Milieu abspielten, führten also zu ganz verschiedenen Ergebnissen. Wenn man jede dieser Entwicklungen für sich studiert und sie dann miteinander vergleicht, wird man leicht den Schlüssel zu dieser Erscheinung finden, aber man wird niemals dahin gelangen mit dem Universalschlüssel einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie, deren größter Vorzug darin besteht, übergeschichtlich zu sein.

Geschrieben etwa November 1877.
Nach der Handschrift.
Aus dem Französischen.

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1 "armen Weißen"
Brief an die Redaktion der "Otetschestwennyje Sapiski"

Von Arbeiterliteratur, Do 14. Mai 2015, 09:33

 

 

 

Hallo Arbeiterliteratur,
wie meinst Du das, dass sich kapitalistisches Eigentum in gesellschaftliches „verwandeln“ könne. Der Begriff Verwandlung ist ja eher ein Begriff der ohne großes Dazutun bedeuten würde. Fakt ist aber dass die Besitzverhältnisse im Kapitalismus eher zur Gegentendenz führen, nämlich dazu, dass die Kapitalistenklasse immer mehr Besitz konzentriert. Dies ist anhand von Fakten auch leicht belegbar.
Ob die objektiven Bedingungen für eine höhere polit-ökonomische Gesellschaftsformation gegeben wären, wäre eine andere Frage. Aber diese Gesellschaft wird nicht von alleine entstehen sondern muss bewusst geschaffen werden. Um dies zu überhaupt möglich zu machen, ist ja gerade die Diskussion hier gedacht. Den ohne die Klarheit, wie eine solche Gesellschaft funktioniert, welche ökonomischen Gesetzte gelten etc., werden wir eine solche Gesellschaft nicht erkämpfen können.
Deine Aussagen über Russland haben aus meiner Sicht leider wenig mit einer Diskussion über den Sozialismus zu tun.
Wenn Du meinen Beitrag auch über das Ende der Sklavenhaltergesellschaft gelesen hast, so würde mich interessieren, was Du zu meinen Aussagen über die Hauptklassen dort sagen würdest. Anders gefragt, wer waren in Rom für Dich die Proletarier (ArbeiterInnenklasse)?
Solidarische Grüße
Mark Do 14. Mai 2015, 20:42

 

 

Der Punkt ist, dass sich die kapitalistische Produktionsweise durch ihre zwanghafte Eigendynamik ans Ende ihrer Entwicklungsmöglichkeit gebracht hat. die Weltgesellschaft, schreibt Ortlieb, steht deshalb vor der Alternative, entweder mit ihr unterzugehen oder aber sich der Zwänge des abstrakten Reichtums zu entledigen und die eigene Reproduktion allein nach stofflichen Kriterien zu planen. Dann könnte auch die Produktivitätsentwicklung ihre Unschuld wiedergewinnen: Einerseits müsste nicht jede mögliche Erhöhung der Produktivität auch zwanghaft vollzogen werden, denn schließlich wird nicht jede Tätigkeit dadurch angenehmer, dass man sie schneller erledigt. Und andererseits ließe sie sich ggf. tatsächlich zur Erleichterung des menschlichen Lebens einsetzen.

Literatur: Kurz, Robert (1986: Die Krise des Tauschwerts, Marxistische Kritik 1, 7 - 48), Marx, Karl (Grundrisse einer Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1974), Marx, Karl (MEW23: Das Kapital. Erster Band, Berlin),
Ortlieb, Claus Peter 2009. (Ein Widerspruch von Stoff und Form, EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft 6), Ortlieb, Klaus Peter, (Denknetz Schweiz Hg.: Jahrbuch Denknetz 2010, Zu gut für den Kapitalismus. Blockierte Potenziale in einer überforderten Wirtschaft Seite 12 - 19, Edition 8, Zürich 2010), Postone, Moishe 2003, (Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, Freiburg). u.a.

 

Arbeiterliteratur, Mi 3. Jun 2015, 09:57

 

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© Mark Staskiewicz, MSc. / Graz